Kirche: Stimmt der Preis?
 

Frank kenne ich jetzt schon seit fünfzehn Jahren. Zweimal im Jahr erzählen wir uns von unseren Familien, von der Arbeit und wohin wir vielleicht in Urlaub fahren. Frank verdient sehr gut als Medienfachmann, und er kommt rum in der Welt. Manchmal ruft er mich an und fragt schon mal, wie es mir denn mit meinem Beruf so geht, als Pfarrer heute. Dann erzähle ich ihm ein bisschen -und er berichtet von seinen Kindern, die jetzt im evangelischen Kindergarten und in der Grundschule sind.
Vor einigen Tagen hat er mir am Telefon erzählt, dass er jetzt aus der Kirche ausgetreten ist. Das hat mir weh getan. Er hat wohl schon länger darüber nachgedacht, aber nun war es soweit. Jeden Monat hat er die Abbuchung der Kirchensteuer gesehen und sich gefragt, warum er das eigentlich bezahlt. Er
braucht die Kirche doch gar nicht oft. Manchmal geht er mit den Kindern in einen Familiengottesdienst, manchmal auch alleine mit seiner Frau: Weihnachten, Karfreitag, Erntedankfest und so. Aber sonst? Da kann er ja spenden, hat er sich gesagt; und das tut er auch. Immer am Ende des Jahres gibt er von seinem Geld ab für „Brot für die Welt", manchmal auch für die Krankenpflege oder den Kindergarten in seinem Dorf. Das muss genügen, hat Frank sich gesagt. Ich glaube, dass er nicht wegen Gott aus der Kirche ausgetreten ist.
Ob überhaupt jemand wegen Gott aus der Kirche austritt? Bestimmt nicht viele. Wer aus der Kirche austritt, hat meistens über sein Geld nachgedacht und
für sich festgestellt, dass entweder Geld fehlt oder einfach kein Verhältnis mehr besteht zwischen monatlicher Zahlung und persönlichem Nutzen.
Das berühmte Preis-Leistungsverhältnis, das ja auch sonst unseren Alltag bestimmt. Da rechnet nicht nur mein Freund Frank ganz genau.
Ich zahle nicht so gerne für die Allgemeinheit, sagt Frank; aber ich zahle gerne, wenn ich die Kirche brauche. Seine Spenden sind groß, da lässt er sich nicht lumpen. Und über Gott denkt er viel nach, auch mit seinen Kindern. Ich weiß, dass er manchmal betet. Soll ich nun wirklich hergehen und ihm sagen: Jetzt kannst du aber nicht mehr Pate werden/jetzt kannst du eigentlich nicht mehr zum
Abendmahl, jetzt kannst du nicht beerdigt werden und so ... Das fällt mir schwer, gebe ich zu. Gott bleibt auch der Gott der Ausgetretenen.
Jeder Mensch, glaube ich, ob aus der Kirche ausgetreten oder nicht, sucht nach Gott und wünscht ihn sich herbei - mal mehr, mal weniger. Wer aus der Kirche austritt, hat ja nicht seinen Glauben verlassen, sondern eben die Kirche. Das ist ein großer Unterschied.
Deshalb träume ich immer öfter davon, dass es in der Kirche auch einen Pfarrer gibt, der Zeit hat nur für Ausgetretene und ihnen nahe sein kann. Darüber würde sich Frank vielleicht freuen und hören, wie sehr nicht nur sein Glaube, sondern auch sein Geld gebraucht wird oft gerade da, wo er es nicht sehen kann. Persönlicher Nutzen ist wichtig - aber ob es immer schon alles ist?

Pfr. Michael Becker, Kassel

 
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